Denkte man an Hotels, hat man oftmals Bilder von leuchtenden Lobbies, gemütlichen Hotelzimmern und freundlich lächelnden Mitarbeitern vorm Auge. Das suggerieren heutzutage Bilder im Internet und früher in den Hochglanz-Prospekten.
Doch das Hotels mitunter Tatorte von Überfällen werden, wird zumeist nicht erwähnt. Welcher Hotelier möchte schon seinen Namen mit einer Negativ-Schlagzeile in der Presse lesen? Wohl keiner. Doch: es passiert.
Man sollte meinen, dass Überfälle auf Hotels durchgeführt werden, weil dort viel Bargeld im Umlauf ist. Das mag sicherlich einer der Beweggründe für die bösen Buben sein. Für diese Fälle werden wir trainiert, bekommen Handlungsanweisungen, wie wir uns bei einem Überfall zu verhalten haben.
Doch es gibt auch die Bekloppten – und auf die kann man nicht vorbereitet werden.
2013 – das erste Mal
Ich hatte Nachtdienst. Es war etwa 01:45 Uhr, als ein asiatisches Pärchen – verängstigt und aneinander geklammert im Pyjama bekleidet – Richtung Rezeption eilte. In brüchigem Englisch erklärten sie, dass ihnen Geld gestohlen worden sei.
‚Tja, man muss auf seine Habseligkeiten aufpassen‘, dachte ich noch, setzte die beiden in die Sessel in der Lobby und brachte zur Beruhigung ein Glas Wasser. Während unseres Gesprächs versuchte ich Näheres herauszufinden, was auf Grund der Sprachbarrieren nicht ganz einfach war. Doch als der Mann unvermittelt sagte „maybe he is still in the hotel“, fuhr es mir kalt durch. Wie benebelt fragte ich weiter und erfuhr, dass die beiden gerade eben IM Zimmer ausgeraubt worden waren. Sie wachten auf und ein Mann durchwühlte deren Sachen, nahm das Bargeld und rannte davon.
Schlagartig war mir ganz anders. Sollte der Täter wirklich noch im Haus sein? Ich setzt einen Notruf bei der Polizei ab.
Es waren noch mehrere Mitarbeiter des Hotels im Haus, vier insgesamt. Wir versammelten uns in der Lobby, sprachen mit dem Pärchen und warteten auf die Ankunft der Polizei. Nur zwei der Kollegen arbeiteten in der zum Back Office angrenzenden Küche weiter.
Das Telefon an der Rezeption begann zu klingeln. Erst auf einer Leitung, schnell auf allen verfügbaren Leitungen. Alles interne Anrufe von Zimmern auf der zweiten Etage. Einen Anruf nach dem anderen nahm ich entgegen und hörte immer ähnliche Aussagen „hier versucht einer in unser Zimmer zu gelangen“. Das beklemmende Gefühl machte sich nun in meinem ganzen Körper breit.
Zwei meiner Kollegen liefen auf die zweite Etage. Sie kamen außer Atem zurück, sagten, es sei niemand zu sehen. Aber in einem der Treppenhäuser, durch das sie hinab gelaufen seien, wäre alles voller Kot und Blut.
Was war hier los??
Auf einmal tauchte im Back Office der Rezeption ein Kollege auf, der in der Küche fleißig gewesen war. Er schrie etwas, panisch. Wir liefen schnell zu ihm und sahen den Täter. Diesen Gesichtsausdruck werde ich wohl nie vergessen: puterrot mit einer wahnsinns Aggression in den Augen und einem zur Fratze verzerrtem Gesicht schlug er sich mit seinem Besen einen Weg gerade auf uns zu.
Zwei meiner Kollegen rannten auf den Typen zu, griffen ihn an. Der eine trat ihn mit voller Wucht vor die Brust – ohne jegliche Auswirkung auf den Täter. Stattdessen schlug er weiter mit dem Besen um sich. Hasserfüllt, scheinbar bereit zu allem. Ein erneuter Tritt, dieses Mal gegen den Kopf des Täters. Das brachte ihn zu Fall. Ich beobachtete die Szene, bereit mich ebenfalls zur Wehr zu setzen. Neben mir lag ein Paket Kopierpapier. Ich griff es, realisierte aber, dass das wohl nicht wirklich zielführend wäre. Der Feuerlöscher am Türrahmen war besser geeignet. Ich legte das Kopierpapier wieder hin, nahm dafür den Feuerlöscher und war bereit ihn auszulösen.
Mit der anderen Hand griff ich das mobile Telefon und wählte ich abermals den Notruf – doch es ging keiner dran! Also auflegen und noch einmal 110 wählen. Endlich, es nahm jemand ab. Ich glaube, ich habe den Mann vom Notruf nicht mal ausreden lassen, sondern brüllte panisch in den Telefonhörer, dass der Täter hier vor uns sei und schnellsten Hilfe kommen muss.
Hilfe zur rechten Zeit
Just in diesem Augenblick fuhr der erste Streifenwagen vor. Die Polizisten eilten zur Hilfe, entwaffneten und überwältigten den Täter. Endlich.
Binnen kürzester Zeit wimmelte es in der Lobby und dem Back Office von Polizisten. Die einen durchsuchten das gesamte Hotel, die anderen befragten das asiatische Pärchen und die mittlerweile zahlreich eingetroffenen Gäste von der zweiten Etage.
Leider wurden meine Kollegen verletzt. Einer der beiden, der in der Küche gearbeitet hatte, wurde von dem Täter mit einer Flasche aus dem Leergut niedergeschlagen. Blutüberströmt lag er auf dem Küchenboden. Ein anderer Kollege hatte sich bei seinem mutigen Angriff am Arm verletzt. Wann die Krankenwagen vorgefahren waren, weiß ich nicht mehr. Die Sanitäter waren irgendwann auf einmal da und kümmerten sich um meine Kollegen. Sie wurden ins Krankenhaus gebracht.
Es wurde ruhig im Haus
Nachdem die Polizei ihre Arbeit getan hatte und ich dem asiatischen Pärchen in ein neues Zimmer zugeteilt hatte (in ihrem alten Zimmer wollten und konnten sie nicht mehr schlafen. Der Täter hatte im Badezimmer einige Schweinereien hinterlassen), wurde es ruhig im Haus.
Meine Kollegen waren im Krankenhaus, die Polizei war weg, Gäste in ihren Zimmern. Ich blieb übrig. Alleine, Mitten in der Nacht mit einer Tür zur Anlieferung, die sich nicht verschließen ließ. Langsam fiel die Aufregung ab, das Adrenalin im Blut sank und gab damit dem Schock die Bühne frei.
Wie angewurzelt stand ich die restlichen fünf Stunden der Nacht hinter der Rezeption. Bewaffnet mit einem großen Messer aus der Küche, Augen und Ohren wachsam auf alle Geräusche der Umgebung.
Erst am nächsten Morgen, als ein Azubi der Küche seinen Dienst zum Frühstück antrat, wurde ich ruhiger. Und als schließlich meine Ablösung an der Rezeption zum Frühdienst erschien, machten wir eine sachliche Übergabe zu den Vorfällen der vergangenen Nacht.
Es war geschafft. Die Sonne war bereits aufgegangen, als ich mich endlich ins Auto setzte. In diesem Augenblick fiel alles von mir ab und Tränen der Erleichterung und des Schocks begleiteten mich auf dem Weg nach Hause.
Das Gute aus dieser Nacht? Der Täter wurde geschnappt und schließlich in einer Gerichtsverhandlung zu einer Freiheitsstrafe wegen mehrfacher gefährlicher Körperverletzung verurteilt.
2016 – das zweite Mal
Es gibt verschiedene Sprichwörter die mir gerade einfallen. „Einmal ist keinmal“ oder „doppel hält besser“. In diesem Zusammenhang wäre mir jedoch „einmal und nie wieder“ am liebsten gewesen.
Wir schreiben den 31. Oktober. Halloween. Wie passend!
Es ist kurz vor 18:00 Uhr am Abend, es sollte ein ruhiger Tag werden. Es war zu dem Zeitpunkt nur ein einziges Zimmer belegt und ich erwartete nur noch wenige Anreisen.
Die Lobby ist klein, gerade mal etwa 10 Meter trennen die Haupteingangs-Tür von der Rezeption. Da es draußen dunkel war, habe ich den auf das Hotel zugehenden Mann nicht gesehen. Erst, als er durch die automatische Schiebetür eingetreten war, nahm ich ihn war. Gekleidet in Schlafanzughose und T-Shirt stand er da auf Socken.
„Ruf die Polizei“, sagte er eindringlich.
Ich war verwirrt, fragte „Warum?“. Noch einmal „ruf die Polizei, die Hexen sind hinter mir her“. Aha, das kann an Halloween sicherlich mal passieren, aber irgendwie beschlich mich das Gefühl, dass die Polizei eine gute Idee sei.
Die Polizei ist eine gute Idee
Also griff ich zum Hörer, wählte 1 – 1 – zur 0 kam ich nicht mehr. Ehe ich mich versah, war der Mann hinter die kleine Rezeption gekommen und fing an auf mich einzuschlagen. Einfach so. Heftig und mit unglaublichen Kräften ausgestattet, drückte mich an die Wand hinter mir. Schlug, haute und schrie zur gleichen Zeit.
Irgendwie schaffte ich es die 0 auf dem Ziffernblock des mobilen Telefons doch noch zu drücken und dann noch den „Wählen“-Knopf zu betätigen. Was ich am Notruf sagte, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich wirres Zeug, was irgendwie die Situation wiederspiegelte.
Währenddessen hatte er meinen linken Oberarm fest im Griff, drückte mich derart fest gegen eine Kante in der Wand, dass mir die Luft wegblieb. Mit der rechten Hand, in der ich immer noch das mobile Telefon umklammerte, wehrte ich mich. Schlug gegen den Typen, doch das mit ungefähr gar keinem Erfolg.
Auf einmal ließ er ab. Warum? Ich weiß es nicht. Nun standen wir uns gegenüber. Er versperrte den einzigen Fluchtweg, indem er direkt im Durchgang der Rezeption stehen blieb. Mein Blick fiel auf den Stiftehalter direkt neben ihm. Ein Sammelsurium an Kugelschreibern, ein Bleistift und eine Schere. Eine Schere, dachte ich. Mist. Nicht gut.
Ich brüllte den Typen an, er solle weg gehen. „Hau ab“ schrie ich immer wieder. Und er folgte. Das Hotel wollte er nicht verlassen, sondern trat rückwärts gehend in die Lobby, mich immer im Blick behaltend. Da standen wir nun.
Wo bleibt die Polizei?
„Wo bleibt die Polizei?“ fragte er auf einmal. Habe ich richtig gehört? ER fragt, wo die Polizei bleibt? Seltsam, aber eine wirklich berechtigte Frage. „Die kommt, ist gleich da“, antwortete ich ihm. Diesen Dialog – oder besser dieses Spielchen – spielten wir eine Weile. Immer wieder machte er Anstalten, wieder hinter den Rezeptionstresen zu kommen. Und immer wieder schrie ich ihn an, dass er stehen bleiben solle. „Bleib stehen“ – immer wieder. Mit ganz langsamen Bewegungen schaffte ich es, diese Schere aus dem Stiftehalter zu greifen und umklammerte sie, als hinge alles davon ab.
Es vergingen sage und schreibe 20 Minuten, bis ich die ersten Sirenen des herannahenden Polizeiautos hörte. Doch nicht nur ich habe die Sirenen gehört. Mit einem Satz griff er nach einem neben ihm stehenden Dekorationsgegenstand und rannte den Flur im Erdgeschoss in Richtung Notausgang. Weg war er. Gott sei Dank.
Kurze Zeit später sah ich in der Dunkelheit den Typen mitsamt der schrill orangenen Dekoration über den Parkplatz vor dem Haus rennen. Gut, er entfernte sich vom Hotel, von mir. Und rannte direkt der Polizei in die Arme.
Die hatte sich vor einem der anderen beiden Hotels, die direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite liegen, eingefunden und begrüßte ihn quasi mit offenen Armen. Ich rannte hinterher, wollte sehen was passiert und vor allem sicher gehen, dass der Typ hinter Schloss und Riegel gebracht wird.
Dieser Typ war psychisch krank, was auch dieses wahnsinns Kraft erklärte. Es waren 8 Polizisten und die Besatzung eines Krankenwagens notwendig gewesen, um diesen einen Mann zu überwältigen.
Spuren hat dieser Vorfall vornehmlich körperlich hinterlassen, die aber schnell verheilt waren. Mein Dank gilt alle denen, die an diesem Abend die Schicht mit mir zusammen beendet haben.
Die oben erzählten Geschichten sind im Detail gekürzt, um die Identität der Hotels und Mitarbeiter zu wahren.

Ein Gedanke zu “Die Überfälle”