Wie kommt der Berg zum Propheten – oder „wie kommt das Tablett unfallfrei an den Tisch“?

Man stellte sich vor: die Einladung zum Bankett wurde ausgesprochen, man hat zugesagt und am Abend der Abende pellt man sich in seinen feinsten Zwirn. Im Nobelhotel angekommen beginnt es vielversprechend mit Smalltalk und einem Champagner-Empfang, ehe sich alle anwesenden Gäste an ihren Plätze an den Bankett-Tischen im Saal für die folgenden Stunden einrichten. Die Stimmung ist gut, man sitzt am Tisch mit netten Gesprächspartnern. Nun folgt also noch ein delikates Menü begleitet von erlesenen Getränken. Was soll da noch schief gehen?

Prinzipiell nicht viel, so meint man zumindest – außer ich bin im Service eingesetzt und die Bedienung für diesen Abend.

Schreiben wir die Geschichte aus einer anderen Perspektive…

…ich war im ersten Ausbildungsjahr und hatte gerade die ersten drei Monate der Ausbildung zur Hotelfachfrau im Housekeeping absolviert. Nach 12 Wochen Staubsauger-Pilot auf der Etage wechselte ich die Uniform und der erste Tag im Service stand an. Etwas aufgeregt fand ich mich zu Dienstbeginn im Bankettbereich ein, wo ich von der Großveranstaltung mit jeder Menge wichtigen und fein gemachten Menschen erfuhr. Der Bankettleiter an dem Abend begrüßte mich knapp und wies mir meine eigene Station zu. Ich sollte zwei der vielen runden Tische am Abend betreuen. Mutig, dachte ich noch, aber er wird schon wissen was richtig ist.

Glücklicher Weise schien der Ablauf recht einfach zu sein. Mein Befehl hieß: Getränke einsetzten, Teller ausheben. So weit, so gut – das sollte ich doch hinbekommen.

Und so dauerte es nicht lange, dass mir besagter Bankettleiter ein randvolles Tablett mit einem Sammelsurium aus Bier- und Weingläsern (natürlich gefüllt mit Inhalt) in die Hand drückte und ich es entgegen nahm. Seinen Blick werde ich nicht vergessen als er sah, dass ich das Tablett in guter alter Hausfrauen-Manier in beiden Händen am Tablett-Rand festhielt. „Nein, so machen wir das hier nicht. Bitte beachte die Service-Regeln“ sagte er und bat mich die linke Hand flach in der Waage vor meinem Körper zu halten. Dem kam ich nach und kaum das ich mich versah, balancierte das übervolle Tablett auf meiner linken Handfläche. Das gesamte Gebilde auf meiner flachen Hand wackelte bedenklich und ich lief auf ebenso wackligen Beinen Richtung Tisch.

Dort angekommen war ich vorerst erleichtert, dass nicht nur das Tablett sondern auch ich ohne große Verluste im Gastbereich angekommen waren. Doch nun mussten diese Gläser noch irgendwie auf den Tisch gelangen. In der Berufsschule hatten wir schon gelernt, wie man fachgerecht Gläser von einem Tablett serviert. Also wollte ich nun mit meinem erworbenen Wissen glänzen….griff mit der rechten Hand nach einem Glas auf dem Tablett, das ich nach wie vor eher unelegant aber immerhin balancierend auf der linken Handfläche balancierte. Dann beugte ich mich zwischen die beiden Herrschaften, um dem Glas dort endlich sicheren Boden unter dem Fuß zu geben und…

Schwerkraft vs. Können

….der Inhalt des gesamten Tabletts ergoss sich über der Dame zu meiner Linken.

Der Augenblick in dem man realisiert, dass sämtliche Gläser gefährlich anfangen zu schwanken und man die zu befürchtende Kettenreaktion nicht mehr aufhalten kann, ist ebenso furchteinflössend wie das Wissen einer bevorstehenden Wurzelbehandlung.

Was in den folgenden Sekunden passierte, vermag ich nicht mehr im Detail wiederzugeben. Zuerst sah ich die vielen leeren, kaputten und herumfliegenden Gläser, die einst auf meinem Tablett gestanden hatten. Dann bemerkte ich die Dame zu meiner Linken, gekleidet in einem Chanel-Kostüm, die wild schimpfend von ihrem Stuhl aufgesprungen war. Ihr einst cremefarbenes Kostüm war nun in sämtliche Farbtöne getränkt worden, die die Drinks auf meinem Tablett herzugeben vermochten. Der Stuhl auf dem sie saß hatte ebenso eine Auswahl der Farbpalette abgekommen.

Ich wusste nicht wie mir geschah und vor allem, was ich nun machen sollte. Den Beschimpfungen der Dame ausgesetzt, bückte ich mich in windeseile, um die Scherben aufzuheben. Dabei liefen mir bereits die ersten Tränen über die Wangen. Mir wurde heiß, mein Gesicht lief puterrot an und binnen kürzester Zeit fühlte ich mich wie ein schwitzender, roter Wackelpudding.

Mein Bankettleiter eilte herbei, sprach beruhigend auf die Dame ein. Ich vernahm Worte wie „wir übernehmen selbstverständlich die Reinigung“…“unsere aufrichtige Entschuldigung“, aber eigentlich rauschte alles irgendwie an mir vorbei. Ich wollte einfach nur im Erdboden versinken. Die Beschimpfungen der Dame hallten noch einige Zeit nach, als ich das mit Scherben volle Tablett wieder in den Servicebereich trug – dieses Mal mit beiden Händen tragend. Sicher ist sicher.

Für den Rest des Abends – und auch die folgenden Monate im Servicebereich – wurde ich zum Polieren von Besteck eingesetzt. An einen Tisch und damit in Kontakt mit einem Gast hat man mich nie wieder gelassen. Das Risiko schien wohl zu hoch…

Ein Gedanke zu “Wie kommt der Berg zum Propheten – oder „wie kommt das Tablett unfallfrei an den Tisch“?

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